
BRAVO
BRAVO
ist ein Phänomen. Deutschlands auflagenstärkste Zeitschrift für
junge Leute wendet sich fast ausschließlich an Pubertierende, das
heißt: Im Durchschnitt bleiben BRAVO-Leser ihrer Illustrierten etwa
drei bis vier Jahre treu. Während "Stern" oder "Spiegel" auf einen
über Jahrzehnte hinweg konstanten Leserstamm bauen können, ist
BRAVO darauf angewiesen, innerhalb von wenigen Jahren stets aufs Neue eine
Generation von Lesern zu gewinnen. Im August feierte die Teenie-Postille
ihren vierzigsten Geburtstag, sie findet nach wie vor mehr als eine Million
Käufer und hat somit seit ihrer Gründung 1956 sage und schreibe
mindestens zehn Mal erfolgreich eine komplette neue Generation an Lesern
für sich begeistern können. Gazetten wie "Wiener" oder "Tempo"
vermochten den Zeitschriftenmarkt nur kurzfristig zu bereichern, der Zeitgeist
war sehr schnell an ihnen vorbeigezogen. Die gute alte BRAVO hingegen hat
wacker überlebt. Zehn Generationen - das macht ihr so schnell keiner
nach. Ich selbst gehörte zu einer der ersten Generationen unter den
BRAVO-Lesern. Ich war elf oder zwölf Jahre alt, ärgerte mich
auf der Schule mit Mathe und Latein herum und hatte - sehr zum Leidwesen
meiner Eltern und meiner Lehrer - eine Leidenschaft für Micky Maus,
Fix und Foxi und Felix. Allmählich allerdings ließ diese Begeisterung
merklich nach. Irgendwie, so fand ich, sei ich eigentlich schon zu alt
für diesen Kinderkram und ich spürte das immer stärker werdende
Bedürfnis, mich mit Dingen aus der Welt der Erwachsenen zu beschäftigen.
In der Eisdiele bei uns um die Ecke beobachtete ich voller Neid und voller
Bewunderung die Großen - sie waren mindestens schon vierzehn - wie
sie ihre Groschen in die Musikbox warfen, danach irgendwelche Tastenkombinationen
drückten und dann mit im Rhythmus wippenden Füßen Liedern
lauschten, die von Dingen erzählten, die es bei Fix und Foxi und Felix
nicht gab: "Jimmy Braun, das war ein Seemann und das Herz war ihm so schwer.
Doch es blieben ihm zwei Freunde, die Gitarre und das Meer. Oder: "Von
der Gitarre eine Saite, die Elvis schlug, und den Verschluß der Bluse,
die die Lollo trug..." Das mußte es sein, das wahre Leben, nicht
diese Kinkerlitzchen von Entenhausen und "Tom und Klein Biberherz". Jimmy
Brown, Elvis, Lollo - wer immer sie waren - ich fand sie toll.
Um 1950 hatte BRAVO ein rot-gelb-braunes Erscheinungsbild
Und
just zu dieser Zeit fiel mein Blick das erste Mal am Zeitschriftenkiosk
auf jenes in Rot, Gelb und Braun gehaltene Heft, von dem es hieß,
daß in ihm alles über Leute wie Lollo und Elvis geschrieben
stünde. Oder über den Mann, der das Lied von dem Jimmy Brown
sang: Freddy hieß er und ich fand, er sah verdammt gut aus. Schon
bei Fix und Foxi und Felix war es immer wieder ein Kampf, bis ich meine
Eltem soweit hatte, mir mal wieder ein Heft mitzubringen. Mit meinem Wunsch,
mir statt dessen nun doch einmal eine BRAVO zu spendieren, stieß
ich - logo! - auf noch schärferen Widerstand. Klarer Fall, dachte
ich mir, die haben etwas dagegen, daß ich den Freddy viel, viel toller
finde als sie. In den Sommerferien war ich allerdings dann zu Besuch bei
meiner Großmutter. Die lebte auf dem Land und ich fand es bei ihr
stinklangweilig. Sie tat ihr bestes, mir die Anwesenheit bei ihr so erträglich
wie möglich zu machen, aber ich fand, es war halt nichts los in ihrem
gottverdammten Nest im Schwarzwald. Und als sie ihren so demonstrativ gelangweilten
Enkel wieder einmal mit freundlicher Stimme fragte, ob sie ihm denn vom
Einkaufen etwas Schönes mitbringen könnte, da wußte ich:
Jetzt war die Stunde meines ersten BRAVO - Heftes gekommen. "Meine erste
BRAVO": Vierzig Seiten aus der Welt, die mir meine Eltern so gern vorenthalten
hätten. Auf dem
Titelblatt
jener gutaussehende Freddy. Ein klarer Blick, eine ernste und entschlossene
Mimik, kein Zweifel: Er hatte sehr viel erlebt und er wußte, wovon
er sang. So wie er wollte ich später einmal gerne werden. Im Innern
des Heftes Berichte über alle möglichen Leute, von denen ich
noch nie gehört hatte: Hildegard Knef, eine ältere Frau, etwa
so alt wie meine Mutter, aber viel viel toller als sie. Hanne Wieder, Hauptdarstellerin
in einem Film namens "Mit Eva fängt die Sünde an" - ich blätterte
erschrocken weiter, für so etwas fühlte ich mich dann doch wieder
zu jung. Der "neue, erregende BRAVO-Roman von Peter Carlsen: "Auf gefährlichem
Kurs" - "Die dramatische Liebe eines jungen Piloten" - ich las die vier
Seiten von vorne bis hinten, in der Hoffnung auf etwas Spannendes. Als
es dann hieß "Fortsetzung folgt" fand ich das Ganze nur noch doof
und es sollte das erste und letzte Mal bleiben, daß ich von einem
BRAVO - Fortsetzungsroman mehr als die Überschrift gelesen habe.
Auf den letzten beiden Seiten des Heftes gab es die BRAVO-Musicbox
Viel, viel mehr interessierten mich
dagegen die letzten beiden Seiten des Heftes: Hier fand sich die
BRAVO-Musicbox,
die Auflistung der zwölf aktuellsten Schlager. Schlager hörte
ich damals schon mit sehr viel Begeisterung. Nicht nur aus der Musicbox
in der Eisdiele. Oft saß ich stundenlang vor dem Radioapparat, starrte
auf das glasgrüne "magische Auge" und versuchte verzweifelt, auf der
Kurzwelle Radio Luxemburg zu empfangen. Ich hatte auch schon einen Lieblingssänger.
Er hieß Gus Backus und sah "noch" besser aus als Freddy. Spitzenreiter
in meiner ersten BRAVO- "Musicbox" war das Lied "Heißer Sand", gesungen
von Mina - ein wunderschönes Lied (finde ich übrigens noch heute).
Auf den Plätzen 2 und 3 folgten Nana Mouskouri und Gerhard Wendland,
die fand ich beide nicht so besonders. Doch dann kamen schon "Auf meiner
Ranch bin ich König" von Peter Hinnen und dieses wunderbare "Paradiso"
von Connie Francis, ein Lied, zu dem die Großen in der Eisdiele immer
ganz besonders begeistert mit den Füßen wippten. Wirklich wahnsinnig
interessant, das alles. Der allergrößte Knüller jedoch,
der die BRAVO nun endgültig zu einer Sensation machte, das war die
Tatsache, daß es meinen Lieblingssänger Gus Backus von dieser
Ausgabe an häppchenweise in Lebensgröße geben sollte. "Gus
Backus", der - ich erwähnte es bereits - bestaussehendste und bedeutendste
Sänger, den es gab, in "Lebensgröße" in "meinem" Zimmer,
neben "meinem" Bett. Diese Vorstellung fand ich "großartig" und ich
weiß nicht mehr wie, aber jedenfalls habe ich es in den 18 Folgewochen
jedesmal hinbekommen, von Vater, Mutter, Oma, Tante oder sonstwem die neue
BRAVO gekauft zu bekommen. Bei uns zu Hause herrschten strenge Sitten,
Vater und Mutter hörten Beethoven und verabscheuten "Schlagergeduddel"
und erst recht dieses "Ami-Bürschlein", das nicht einmal richtig die
deutsche Sprache beherrsche. Trotzdem setzte ich achtzehn Wochen lang meinen
Willen durch - es muß eine Meisterleistung an Hartnäckigkeit
gewesen sein.
BRAVO war 1955 als Film- und Fernsehzeitschrift gegründet worden
BRAVO war zu derZeit, als sie in mein Leben trat, bereits sechs Jahre auf dem Markt. Sie erschien seit 1956 im Münchener Kindler- und Schiermeyer-Verlag und war als "Film- und Fernsehzeitschrift" gegründet worden. Erster Chefredakteur war der CDU-Hardliner und spätere BILD-Chef Peter Boenisch. Von Anfang an drehte sich alles in ihr um Stars, Stars und nochmal Stars. Im Zentrum des Geschehens standen zunächst ausschließlich die Helden der Leinwand. BRAVO läßt sich heute gerne als eine Zeitschrift feiern, die sich seinerzeit dem Nachkriegsmief widersetzt habe. "BRAVO mauserte sich zum Sprachrohr der ersten Generation von Aufmüpfigen", so heißt es in einer aktuellen Presseinformation des Heinrich Bauer Verlages, in der das Heft heute erscheint. In der Medien-Berichterstattung zum 40. Jubiläum wurden solche Statements leider durchwegs für bare Münze genommen.
BRAVO war anfangs alles andere als das Sprachrohr der "jungen Wilden"
"BRAVO
war das Sprachrohr der jungen Wilden" textete beispielsweise die "Süddeutsche".
Weder die rechtskonservative "Welt", noch die oberlinke "junge welt", weder
die behäbige "FAZ", noch die aufmüpfige "taz" machte sich leider
die Mühe, einmal in alten BRAVO-Ausgaben zu blättern und nach
Belegen für die angeblich so rebellische Stoßrichtung der Jugendillustrierten
zu suchen. Hätten sie es getan, sie hätten sich gewundert: Mit
den "jungen Wilden" hatte BRAVO nun wirklich nichts am Hut. "Die Mehrheit
unserer Jugend" so beschwörte sie immer wieder, "ist ganz anders".
Die jeweiligen Idole der BRAVO-Leserinnen und -Leser wurden vornehmlich
als gute Menschen und moralisch hochstehende Vorbilder dargestellt. Freddy
war stets der einsame, selbstlose Seemann. Elvis war ein guter Junge und
ein tapferer Soldat, der gar zum Sergeant befördert wurde. Conny war
das anständige Mädchen, das ihren Eltern stets gehorchte. Als
die damals 19jährige 1962 an die Ehe dachte da wußte BRAVO zu
berichten: "Der Himmel könnte voller Geigen hängen, wenn dieses
Glück nicht einen Haken hätte: Conny hat nämlich noch für
zwei Jahre Heiratsverbot. Vater Froboess möchte seine Tochter nicht
vor dem einundzwanzigsten Geburtstag verheiratet sehen. Das ist eine väterliche
Vorsichtsmaßregel." Und was macht das Fräulein Tochter daraufhin?
Rollt sie mit den Augen und versucht, den gestrengen Herrn Papa zu bezirzen?
Haut sie auf den Putz und erklärt ihrem alten Herrn, es sei schließlich
ihr eigenes Leben und er solle sich da tunlichst heraushalten? Oder läßt
sie sich gar heimlich in der Nacht von ihrem Angebeteten nach Gretna Green
entführen? - Nichts von alledem: Conny "respektiert" das Eheverbot,
"auch wenn es ihr sehr schwer fällt. Sie nutzt die Zeit, um ihre künstlerische
Zukunft auf einen Nenner zu bringen." BRAVO konnte aufatmen. Stars, die
sich dem strengen Moralkodex der Nachkriegsära nicht so ohne weiteres
beugen wollten, bekamen hingegen die Leviten gelesen:
1960 las BRAVO Brigitte Bardot wegen ihrer Freizügigkeit die Leviten
So etwa Brigitte Bardot. Originaltext
BRAVO 1960: "Ihren ersten Mann hat sie abgelegt wie ein Kleid
vom
Vorjahr. Als die Verlobung mit Schlagersänger Sacha Distel nach einigen
Monaten langweilig wurde, ließ sie ihm schlichtweg durch eine Pressenotiz
mitteilen, daß sie genug von ihm habe.Moral ist bei BB eine Frage
des Geschäfts. Jahrelang hat sie sich so nackt gezeigt, daß
ein Bikini auf ihrem schlanken Leib wie ein hochgeschlossenes Kostüm
gewirkt hätte. Sie hat es mit ihrem Körper geschafft, mit ihrem
sogenannten "Sex"... BB, die umschwärmteste Frau der Welt, die "schönste
Hexe" des Jahrhunderts, man könnte auch Sexe sagen - die noch nicht
Fünfundzwanzigjährige, ist müde wie eine alte Frau. Ein
greiser Lebemann könnte nicht blasierter sein als dieses Mädchen
aus Paris. In unserem eigenen Interesse sollten wir Brigitte Bardot nicht
nacheifern". -"Sogenannter Sex", "Sexe des Jahrhunderts" - BRAVO war seinerzeit
so verklemmt und so muffig wie die Bundesrepublik der Nachkriegsära
eben als Ganzes war.
Das Erfolgsgeheimnis von BRAVO bestand im frühzeitigen Erkennen von Trends
Das
Geheimnis des Erfolges von BRAVO bestand und besteht vor allem in der Fähigkeit,
Trends rechtzeitig zu erkennen. Schon früh wurde damit begonnen, regelmäßig
Leserinnen und Leser nach ihren Lieblingsstars zu befragen. Wichtigstes
Instrument war hierbei die seit 1957 jährlich stattfindende "Otto"-Wahl,
eine Art demoskopische Umfrage unter den Leserinnen und Lesern: Wer sind
Eure Favoriten? Wen wollt Ihr in BRAVO sehen?
Über wen haben wir zu berichten, damit Ihr für uns Euer Taschengeld ausgebt? Die Sieger dieser Ausscheidung - sie sind die eigentlichen BRAVO-Idole. Vor allem sie waren es, die damals wie auch noch heute den Leser Woche für Woche in unzähligen Storys, Steckbriefen, Autogrammkarten, "Stars von heute"- Porträts und Titelblättern, später auch auf Poster und seit der Mitte des Jahrzehntes auf Ausklappposter begleiteten. Der "Otto", ein pausbäckiger und gemütlicher Kameramann, war eine Art BRAVO-Maskottchen. Mitte der Sechziger, zu Zeiten des überschäumenden Karl-May-Boomes, mußte er abdanken zugunsten eines gleichnamigen kleinen Indianers vom Typ Klein Biberherz. Er wurde ursprünglich lediglich an die populärsten, von den BRAVO-Lesern per Stimmkarte ermittelten, männlichen und weiblichen Filmstars verliehen: 1957 an James Dean und Maria Schell, 1958 an Horst Buchholz und Romy Schneider und 1959 an O.W. Fischer und Ruth Leuwerik. 1960 erhielten ihn dann erneut O.W. Fischer (gefolgt von Hardy Krüger und Christian Wolff) sowie erstmals Sabine Sinjen (gefolgt von Ruth Leuwerik und Liselotte Pulver). - O.W. Fischer, Romy Schneider, Ruth Leuwerik und all die anderen großen Filmstars jener Jahre, sie erfreuten sich gewiß auch beim jugendlichen Publikum großer Popularität - die wirklich großen Idole hingegen, das waren andere. Der unter jungen Leuten vermutlich mit weitem Abstand meistgeliebte Streifen, das war ein Musikfilm mit dem Titel "Wenn die Conny mit dem Peter". Conny Froboess und Peter Kraus waren Protagonisten einer neu aufkeimenden Jugendkultur, sie waren nicht nur populär, sie wurden nicht nur geschätzt und gemocht, sondern sie wurden regelrecht verehrt und, jawohl, geliebt. Sie waren Idole. BRAVO hat das rechtzeitig erkannt und schwenkte um, immer mehr verschob sich der Schwerpunkt des Heftes weg von den Film- hin zu den Musikstars. Vom Titelbild, das anfangs Kinogrößen wie Maria Schell, Marilyn Monroe und Yul Brunner vorbehalten war, blickten den potentiellen Käufer mehr und mehr die Gesichter von Ted Herold oder Rex Gildo entgegen.
Mit Conny und Peter legte BRAVO den Schwerpunkt des Heftes auf Musikstars
Der BRAVO-Starschnitt, den es 1959
erstmals mit der häppchenweise auszuschneidenden und aneinanderzuklebenden
Brigitte Bardot gab, blieb über Jahre hinweg ausschließliche
Domäne der Musikstars: Peter Kraus und Conny (1959), Elvis Presley
und Freddy Quinn (1960), Rex Gildo, Heidi Brühl und schließlich
Gus Backus (1962). Und folgerichtig gab es ab 1960 eben auch nicht mehr
nur "Ottos" für die beliebtesten Schauspieler, sondern auch für
die populärsten Sänger und Sängerinnen. Conny ergatterte
spielend Gold. Peter Kraus mußte sich leider mit einem zweiten Platz
begnügen, einer war noch populärer als er: Deutschlands beliebtester
Seemann, der ewig in die weite Ferne fahrende Freddy Quinn. Er vermochte
mit seinen Filmen wie "Freddy unter fremden Sternen" und seinen großen
Schlagern
wie "Heimweh" und "Die Gitarre und das Meer" die Herzen der BRAVO-Leserinnen
und Leser mehr als jeder andere zu erobern. Peter Kraus schnitt mit seiner
Silbermedaille allerdings noch besser ab als sein Vorbild Elvis Presley,
der sich mit Bronze bescheiden mußte - der einzige "Otto", der dem
"King" je verliehen wurde. Anders, als die Legende es will, war seinerzeit
der "echte" Rock'n Roll á la Bill Haley, Chuck Berry, Fats Domino
und Elvis hierzulande längst nicht so verbreitet wie seine Adaption
im deutschen Schlager. Das zeigt auch die Reihenfolge der beliebtesten
Sängerinnen. Nicht die Rock-Röhren Wanda Jackson und Brenda Lee
- beide waren in Deutschland damals weitgehend unbekannt - und auch nicht
das amerikanische Teenageridol Connie Francis machten das Rennen, sondern,
wie gesagt, mit weitem Abstand Conny Froboess, die die großen Hits
aus Übersee wie "Diana" oder "Lipstick on your collar", das bei ihr
zu "Lippenstift am Jacket" mutierte, für den heimischen Markt so überaus
erfolgreich glattgebügelt hatte. Ihr folgten 1960 auf den Rängen
2 und 3 die Schlagergröße Caterina Valente sowie Heidi Brühl,
die phänomenale Erfolge feierte mit ihren Textzeilen "Wenn auch so
viele Ehen heut' auseinandergehn: Wir wollen niemals auseinandergehn..."
Der echte Rock'n Roll war längst nicht so verbreitet wie seine deutsche Adaption
Nicht viel anders sah es 1961 aus: Die Film - Medaillen gingen erneut an die Altstars des Deutschen Films, lediglich mit Rock Hudson ("Bettgeflüster") hielt erstmals ein Star aus den Staaten Einzug in das Spitzenfeld. Unter den Schlagersängern konnte sich erstmals Rex Gildo plazieren. Er hatte sich neben Conny und Peter Kraus zum dritten großen Teenageridol der frühen Sechziger gemausert. Er war damals noch ein ausgesprochen schnuckeliges Kerlchen, machte mit seinen weißen Zähnen Reklame für Durodont - Zahnpasta und hatte die Herzen seiner Fans erobert mit seiner wunderschön - schaurigen Ballade "Das Ende der Liebe, das Ende der Träume..." Zu seinem größten Hit wurde später "Speedy Gonzales". Bis 1966 plazierte er sich alljährlich unter den ersten drei, seitdem versucht er leider unbeirrt, als schlechte Kopie seiner selbst noch weiter mitzumischen.
Als der Bikini aufkam, war auch BRAVO moralisch entrüstet
Eine, die dem Teenageralter allerdings
längst entwachsen war, machte 1961 den größten Sprung nach
vorn: Caterina Valente. Sie feierte triumphale Erfolge in den Staaten,
in Lateinamerika und in Italien, gleichzeitig landete sie in Deutschland
gemeinsam mit ihrem Bruder Silvio Francesco den großen Sommerhit
des Jahres: den "Itsy Bitsy Teenie Weenie Honolulu Strandbikini", ein Stück
Zeitgeist par exellence. Mit dem Beginn des neuen Jahrzehntes sollte ein
weiteres "Muß" der abendländischen Kultur fallen: Der einteilige
Badeanzug war mit einem Mal passé, die Frau in den westlichen Industrieländern
trug ab sofort nabelfrei. Die gestrenge Zunft der Moralwächter war
ganz außerordentlich empört. Darunter natürlich auch BRAVO.
Besorgt um Anstand, Sitte und Moral, textete sie: "In den Zwanzigerjahren
hat es ein sehr beliebtes Lied gegeben mit dem Refrain: "Dieses eine hab,
ich reserviert / Für den Mann, der mich zum Altare führt..."
Seit damals hat sich viel geändert. Aber es muß doch nach wie
vor gewisse Dinge geben, die nicht für die gesamte Öffentlichkeit
bestimmt sind. Zumindest, wenn man nicht eine Nackttänzerin ist."
Caterina Valente scherte sich nicht um derartige Bedenken, sie setzte stattdessen
die neue Mode komödienhaft in Szene. Und es dauerte nicht allzu lange,
da waren dann auch in BRAVO die ersten nabelfreien Schönheiten abgelichtet.
BRAVO beugte sich dem Leserwillen und hielt sich künftig mit moralischen
Belehrungen in Sachen Strandbekleidung zurück. Ein erstes Mal hatte
der Kommerz über die Moral gesiegt.
Nachdem
mittlerweile knapp ein Viertel der bundesdeutschen Haushalte mit einem
Fernsehgerät gesegnet war und sich der größte Teil der
restlichen drei Viertel regelmäßig bei Opa, Oma, Nachbarn und
Freunden vor der "Glotze" einfanden, verlieh BRAVO, dem Trend gehorchend,
ab 1961 erstmals weitere "Ottos" für die zugkräftigsten TV -
Stars.
Ab 1951 gab es den BRAVO-Otto erstmals auch für die Fernsehstars
Bei den männlichen Stars gewann
der Kölner Volksschauspieler Willy Millowitsch die Trophäe in
Gold.
Silber ging
an Showmaster Hans Joachim Kulenkampff, damals in der Ouizschau (es hieß
damals wirklich noch "Schau" und nicht etwa "Show") "Der Große Wurf"
zu bewundern. Das Rennen bei den Damen machte eine, die im Lauf der Jahre
so etwas wie eine Legende werden sollte: Inge Meysel, die "Fernseh-Mutter
der Nation". Silber ging an die Angehörige einer heute fast ausgestorbenen
Zunft: Die streng hanseatische und zugleich überaus liebenswerte Ansagerin
Irene Koss. Allsonntaglich schlug mein Herz beim Anblick dieser Dame auf
Höchstfrequenz, wußte ich doch, daß nun jeden Augenblick
"Fury" oder "Corky und der Zirkus" über die Mattscheibe flimmerten.
Bronze bekam Kulis Assistentin Uschi Siebert. Kulenkampff, Millowitsch,
Inge Meysel - die Altstars des Deutschen Fernsehens vermochten damals ganz
offensichtlich jung und alt gleichermaßen zu begeistern. Es war die
Zeit der großen Samstagabendschaus in der ARD, dem seinerzeit noch
einzigen Fernsehkanal, und die deutsche Familie saß noch friedlich
vereint vor der deutschen Mattscheibe. 1962 war die erste "Otto"-Wahl,
an der ich selbst teilnahm. Gerne hätte ich mich mit ganzen Stapeln
von Stimmkarten eingedeckt, um mein Idol Gus Backus, der gerade mit seinen
Hits "Da sprach der alte Häuptling" und "Der Mann im Mond" den großen
Durchbruch gehabt hatte, nach vorne zu katapultieren. Aber leider konnte
man sich an der Wahl nur mit einer speziell zu diesem Zweck angefertigten
Stimmkarte beteiligen, die der BRAVO beilag. Und mehr als ein Exemplar
war bei aller Liebe zu Gus nun wirklich nicht drin. So kam es, daß
er sich leider mit dem zweiten Platz begnügen mußte. Sieger
blieb auch in diesem Jahr wieder Freddy Quinn. Bei den weiblichen Interpreten
siegte Connie Francis, die sich mit ihrer ersten in deutsch gesungenen
Schallplatte "Die Liebe ist ein seltsames Spiel" nun endlich auch hierzulande
nach oben gesungen hatte. Das war die neue große Masche: Deutsch
mit amerikanischem, französischem, italienischem, egal welchem - Hauptsache:
ausländischem Akzent. Meine Eltern standen mit ihrer Meinung, "Ami-Bürschlein"
Gus Backus solle gefälligst erst einmal richtig deutsch lernen, sicherlich
nicht alleine: Die "Verhunzung" der deutschen Sprache war vielen Älteren
ein Dorn im Auge. Kein Wunder: In ihrer Jugendzeit waren sie vom internationalen
Kulturgeschehen völlig abgeschnitten gewesen und so erweckten nun
kulturelle Impulse aus dem Ausland ihren Argwohn. Wir Jungen hingegen,
denen die Segnungen des Tausendjährigen Reiches erspart geblieben
waren, griffen begeistert nach dem Flair der großen weiten Welt und
nahmen Stars wie Connie Francis und Gus Backus ungeachtet aller mangelhaften
Deutschkenntnisse begeistert in den Reigen unserer Idole auf. BRAVO sah
das alles nicht so eng und hatte gegen musikalische Gastarbeiter nichts
einzuwenden - solange sie sich nicht so unmoralisch aufführten wie
die geschmähte BB. Deutschlands größte Zeitschrift für
junge Leute war in den Sechzigern konservativ bis aufs Mark - einen Hang
zur Deutschtümelei konnte man ihr jedoch nie vorwerfen.
Mit dem Straßenfeger "Das Halstuch" war das Krimifieber ausgebrochen
Viel Aufmerksamkeit war in diesem Jahr den Stars der Mattscheibe sicher: In Deutschland war das Krimi - Fieber ausgebrochen. TV -Mehrteiler von Francis Dubridge wie "Das Halstuch" fegten regelmäßig sämtliche Straßen leer und versetzten eine ganze Nation vorübergehend in Angst und Schrecken. Kriminalromane im Taschenbuchformat erlebten Spitzenauflagen und BRAVO war mit unzähligen Storys über die Schauspieler jener Serien natürlich auch mit von der Partie. So kam es, daß Heinz Drache in diesem Jahr zum TV - Liebling Nr.1 gekürt wurde, die "Halstuch"-Heldin Margot Trooger ergatterte bei den weiblichen TV - Stars immerhin Platz 3. Bitter, bitter: Auch 1963 war die Niederlage von Gus Backus im Grunde vorprogrammiert: Gus erhielt erneut nur den "Otto" in Silber, gegen Altmeister Freddy kam er einfach nicht an. Für meine damalige Lieblingssängerin Mina, die sich mit "Heißer Sand" in mein Herz gesungen hatte, reichte es gar nur für Platz 5. Ähnlich wie bei den Sängern gewannen internationale Stars auch auf der Leinwand und auf der Mattscheibe mehr und mehr an Bedeutung: Sophia Loren, "Psycho" - Star Anthony Perkins und zum allerersten Mal auch zwei US - amerikanische Serienstars: Edward Byrnes bekam einen "Otto" in Gold überreicht - eigentlich hätte ihn seine deutsche Synchronstimme Hans Clarin verdient, dessen "Kieksen" dem Cookie aus der Krimisene "77 Sunset Strip" zu seiner ungeheuren Popularität maßgeblich verholfen hatte. Silber ging an einen Helden, der seinerzeit mein Herz regelrecht zum Rasen brachte:
Silber für Robert Fuller - den Herzensbrecher am "Fuß der Blauen Berge"
"Jess Harper" alias Robert Fuller vom "Fuß der Blauen Berge" - wenn ich mir ihn heute so anschaue, so kann ich meine damalige Begeisterung noch immer sehr gut verstehen. So einiges änderte sich in diesen Tagen: Aus Übersee kam ein neuer Modetanz zu uns herübergeschwappt: Der Twist. Er brach mit einem Tabu. Bis dahin galt als "Tanz" all das, was zwei sich gegenseitig berührende Partner mit gemeinsamen Schritten vollführten, wobei der männliche Partner den weiblichen führte. Der "Twist" setzte diese Konvention außer Kraft. Fürderhin bedurfte es keiner gegenseitigen Berührung mehr, eine "Führung" der Partnerin durch den Partner war ausgeschlossen. Ja, es bedurfte nicht einmal mehr unbedingt eines Partners, denn das lustvolle, wenn auch aus heutiger Sicht reichlich manieriert wirkende Hüftenkreisen, das dem neuen Tanzstil zugrunde lag, konnte wahlweise auch alleine oder mir mehreren Partnern gemeinsam vonstatten gehen. Kein Zweifel: Das alles war eine Vorahnung auf die umgekrempelten Verkehrsformen, die sich schon wenige Jahre später breit machen sollten. Der Twist wurde von Tugendwächtern völlig zu Recht als ein Synonym für Zwanglosigkeit und körperliche Lust wahrgenommen. Und wo es gilt, die Tugend der Menschen zu bewahren, da war Deutschlands größte Illustrierte für junge Menschen nicht fern.
Als Joey Dee und Chubby Checker die Charts stürmten, blieb BRAVO twistfreie Zone
BRAVO zeterte: "Der Twist ist nichts weiter als wieder aufgewärmter, weniger genießbarer und dafür noch lärmenderer Rock'n Roll". Als Joey Dee mit "Ya Ya" und Chubby Checker mit "Let's twist again" allerorten die Charts stürmten, da blieb die BRAVO - Musicbox twistfreie Zone und die Redaktion vermeldete stolz: "Trotz Trommelfeuer - Propaganda keine Twist - Platte unter den Bestsellern! Stattdessen im Kommen: Der Günther Kallmann Chor und die "Elisabeth-Serenade". "BRAVO war stets das Sprachrohr der Aufmüpfigen?". Naja... 1964 war das Jahr von Cliff Richard. Er machte Freddy den angestammten Platz auf dem Siegertreppchen erfolgreich streitig. In seiner Heimat England galt er, ähnlich wie hierzulande Peter Kraus, als eine britische Ausgabe von Elvis Presley. Dem Teenager-Alter entwachsen, schaffte er den Übergang zum "jugendlichen Schlager-Star" problemlos und ersang sich in schöner Regelmäßigkeit eine Goldene Schallplatte nach der anderen. In Deutschland war er lange Zeit kaum bekannt. Cliff umgab niemals, auch nicht zu wildesten Rock - Zeiten, der Ruch von Aufsässigkeit. Neben ihm hätte selbst Peter Kraus wie ein störrischer Renitentzki gewirkt. Er war der Strahlemann, dem die Teenager an den Lippen hingen und den sich die Mütter als Schwiegersohn wünschten. Kurz und gut: Cliff Richard war wie geschaffen, auch in Deutschland Karriere zu machen und mit seinem Hit "Rote Lippen soll man küssen" war ihm das nun auch endlich gelungen. BRAVO mochte ihn ganz besonders gerne. Was legten sie ihm nicht alles an Lebensweisheiten in den Mund: Cliff warnte vor "Mädchen, die durch übertriebenes Make-up aufzufallen versuchen oder immer aufreizend tief dekolletiert sind" und gab den BRAVO-Leserinnen nützliche Ratschläge im Umgang mit dem anderen Geschlecht: "Hör aufmerksam zu, wenn dein Freund über seine Steckenpferde oder seine geschäftlichen Interessen spricht. Vielleicht weißt du nicht viel von diesen Dingen, aber soviel wirst du erfahren können, um beim richtigen Zeitpunkt die richtige Bemerkung zu machen." Für Gus Backus waren die fetten Jahre übrigens mittlerweile vorüber. Sein Stern war bereits deutlich im Sinken begriffen, aber immerhin 28.056 BRAVO-Leser - darunter selbstverständlich ein weiteres Mal ich -verhalfen ihm immerhin noch einmal auf Platz 5. Und wer meint, das sei keine tolle Leistung, für den sei hinzugefügt, daß die Beatles bei den männlichen Gesangsstars in diesem Jahr nur den sechsten Rang erreichten. Stattdessen waren 1965 bei der "Otto"- Wahl erstmaIs andere mit von der Partie: Rita Pavone hatte mit zur Abwechslung einmal italienisch eingefärbter deutscher Sprache und ihrem Hit "Wenn ich ein Junge wär" die deutschen Fans erobert. Und der spitzbübisch dreinschauende Sunnyboy Thomas Fritsch, der in Streifen wie "Das schwarz-weiß-rote Himmelbett" und "Das Große Liebesspiel" seinen Sex-Appeal versprühte, wurde zum Shooting-Star unter den Filmschauspielern. BRAVO war zufrieden und attestierte, "er sei gescheit und gepflegt, sehr höflich und wohlerzogen. Kurz: Trotz seiner jungen Jahre bereits ein Herr".
Dem Karl-May-Boom half BRAVO Mitte der 60er Jahre kräftig nach
Als allergrößter Triumph
entpuppte sich jedoch die geniale Idee, die Romane des guten alten Karl
May
auf die
Leinwand zu bannen. "Winnetou" Pierre Brice bekam seinen ersten "Otto"
überreicht - ganze elf weitere sollten in den Jahren darauf noch folgen.
Und nicht nur das: Auch für "Old Shatterhand", Lex Barker und "NschoTschi"
alias Marie Versini hagelte es fürderhin "Ottos" in Hülle und
Fülle. BRAVO half kräftig nach: Ganze lange 70 Wochen beschäftigte
sie ihre Leserinnen und Leser mit Klebearbeiten, bis die diversen Starschnitte
der Karl May -Stars fertiggestellt waren. Über elf Ausgaben verteilte
sich Pierre Brices Lebensgeschichte, weitere sieben bzw. neun Folgen wurden
Lex Barker und Marie Versini gewidmet. Nicht genug - im Anschluß
wurde dann noch einmal eine siebenteilige Gemeinschaftsbiographie von Pierre
und Marie offeriert. Die beiden - miteinander weder verlobt noch verheiratet
- erschienen darin als "Film -Traumpaar" geradezu symbiotisch miteinander
verbändelt, und jeder Tag, den die beiden getrennt voneinander verbringen
mußten, war für die BRAVO - Leserinnen und - Leser ein Tag voller
Leid. "Marie und Pierre mußten sich trennen. Während Marie mit
Lex Barker in Jugoslawien den Karl May - Film "Der Shut" dreht, steht Pierre
in Südamerika vor der Kamera. Daß die beiden getrennt filmen,
ist für ihre zahllosen Fans bitter. Aber BRAVO hat für alle Anhänger
dieses beliebten Paares einen Trost bereit: Filmproduzenten sind bereits
eifrig auf der Suche nach einer neuen Film - Story, die Marie und Pierre
vor der Kamera wieder vereint." Wie viele Tränen hätten Deutschlands
Jugendliche vergießen müssen, hätte es den Trostspender
BRAVO nicht gegeben? 1965 wurde Cliff Richard zwar noch einmal Erster,
dahinter hatten sich jedoch die Beatles bereits auf Platz 2 vorgearbeitet
und stellten die Vorherrschaft der traditionellen Schlagermacher heftig
in Frage. Frisches Blut kam in diesem Jahr aus Dänemark. Gitte war
bei den Deutschen Schlagerfestspielen in Baden Baden - einer in den frühen
Sechzigern alljährlich stilvoll zelebrierten Ausscheidung - mit "Ich
will 'nen Cowboy als Mann" als Siegerin hervorgegangen - Grundstock zu
einer bis in die heutigen Tage anhaltenden Karriere.
Die 8-fache "OTTO" - Gewinnerin Manuela paßte so richtig ins BRAVO Weltbild
Doch ähnlich wie Deutschlands
Filmemacher warfen auch die einheimischen Musikproduzenten die Flinte
nicht
kampflos ins Korn und machten sich auf die Suche nach Stars mit einheimischem
Paß. Erfolgreichstes Ergebnis dieser Bemühungen war die Berliner
Schlagersängerin Manuela. Sie schaffte es mit ihrer leicht weinerlichen
Stimmlage, die Connie Francis mitsamt ihrem amerikanischen Akzent so perfekt
nachempfunden war, ihr großes Vorbild allen Ernstes auf den dritten
Platz zu verweisen. Ihr Hit "Schuld war nur der Bossa Nova" wurde für
sie zum Startschuß zu einer langjährigen Sangeskarriere - bis
heute bekam keine andere Sängerin so viele "Ottos" überreicht
wie sie: Achtmal stand sie auf dem Siegertreppchen, dann wechselte sie
die Plattenfirma und war von heute auf morgen weg vom Fenster. Auch ich
mochte Manuela sehr gerne, von ihr stammen viele meiner Lieblingsschlager,
allen voran "In meinem Kalender", noch heute die unübertreffen schönste
Teenager - Ballade in der Geschichte der Popmusik. Manuela paßte
so richtig ins BRAVO-Weltbild: Ein artiges, nettes Mädchen, keine
Skandale, statt dessen promotete sie eine fesche Modekollektion. Und die
Geschichte von der kleinen Fabrikarbeiterin, die vom Schlagerproduzenten
in einer schmierigen Vorstadtkneipe entdeckt wurde und zur Plattenkönigin
aufstieg, sie paßte so hervorragend ins Klischee sämtlicher
Klein-Jungs und -Mädchenträume. "Manuela ist innerhalb eines
Jahres aus einem Keller im Berliner Arbeiterviertel Wedding buchstäblich
in den siebten Himmel gezogen. Denn Manuela bewohnt heute eine schicke
Wohnung eines Hochhauses in München. "Alles ist so unwahrscheinlich,"
sagt sie, "Erst nichts und dann so viel zu haben ist gefährlich. Man
darf sich vom Erfolg nicht blenden lassen. Ich glaube, das Wichtigste ist,
bescheiden zu bleiben." Zur BRAVO-Starschnitt - Heldin avancierte sie allerdings
erst 1967 - für mich zu spät, zu dieser Zeit war ich bereits
von BRAVO auf den SPIEGEL umgestiegen. Zu dem zu meiner großen Freude
erneut mit Gold ausgezeichneten Robert Fuller und zu "Kookie" stieß
ein dritter Serienheld auf in den Olymp der BRAVO-Idole: "Little Joe" alias
Mike Landon aus "Bonanza".
"Little Joe" aus der Bonanza - Serie war absolut "BRAVO-kompatibel"
Zur Erinnerung: Es war die Zeit,
da in Jugendzimmern die ersten Che-Guevara-Poster gesichtet wurden,
es
roch vielerorts schon nach Protest. Wie beruhigt müssen besorgte Eltern
gewesen sein, wenn ihre Kinder für einen Sohn schwärmten, der
auf die Aufforderung seines Vaters "Geh, zum Friseur! Ich will nicht, daß
einer meiner Söhne rumläuft wie ein Mode - Affe" lapidar antwortet
"Ja, Pa!" Auch wenn sich BRAVOs Leserinnen und Leser nicht mehr wie noch
wenige Jahre zuvor für Millowitsch oder Lou van Burg erwärmten,
so blieben die Grundwerte der abendländischen Kultur gottlob noch
immer unangetastet . "Kookie", "Jess Harper" und "Little Joe" waren BRAVO
- kompatibel. Die Herren Fernsehgewaltigen der ARD hielt dies allerdings
nicht ab, gerade die von den Jungen so überaus geliebten Reihen "Bonanza"
und "Am Fuß der Blauen Berge" mir nichts, dir nichts aus dem Programm
zu streichen (Wer sprach damals schon von so etwas wie "Quote?"). Das war
die Stunde von BRAVO: "Millionen Zuschauer empören sich Ihre Wünsche
sind dem Fernsehen schnuppe! BRAVO fordert: Laßt Bonanza!" Der Protest
blieb nicht ungehört: Ab 1967 ritten die Cartwrights allsonntäglich
wieder, von da an im ZDF. "Am Fuß der Blauen Berge" hingegen gab
es erst Jahre später wieder, neu aufgelegt in Farbe. Ähnlich
wie BILD, das sich als "Anwalt der kleinen Leute" ausgibt ("BILD kämpft
um Ihr Recht!") hatte nun auch BRAVO ihre Rolle gefunden, mit der sie bis
zum heutigen Tage erfolgreich sein sollte.