
* 4.5.1927
in Köln
† 16.03.1991 in Aix-en-Provence (Frankreich)
Trude Herr, geboren am 4. Mai 1927 in Kalk bei Köln, Tochter des Lokomotivführers Robert Herr und seiner Frau Agathe. Der Vater, KPD - Mitglied, befindet sich 1933-45 fast ohne Unterbrechung in Haft. Trude Herr besucht ab 1933 die Evangelische Volksschule Mühleim. 1943 ausgebombt, lebt sie mit ihrer Mutter und den zwei Geschwistern im hessischen Ewersbach, ist als Schreibkraft im örtlichen Standesamt und in der Krankenhausverwaltung Dillenburg tätig.
1945
zieht die Familie nach Köln-Nippes. Trude Herr arbeitet in der Anzeigenabteilung
der Zeitung "Die Volksstimme". Ab 1946 Statistin an der Aachener Wanderbühne,
Theater am Vorhang, erhält sie 1948 kleine Rollen am Kölner Millowitsch
-Theater, u.a. in dem Kinderstück "Die Heizelmännchen von Köln",
in "Der kölsche Zigeunerbaron" und "Die spanische Fliege".
1949
gründet sie mit ihrem Mentor Gustav Schellhardt die Kölner Lustspielbühne.
Nach einigen Aufführungen von Kinderstücken und Mundart-Schwänken
in angemieteten Räumen geht das Unternehmen pleite, Trude Herr wird
Barfrau in dem Homosexuellen Lokal Barberina.
Ab der Saison 1954/55 tritt sie als Büttenrednerin (u.a. mit der Filmstar - Parodie "Das Wunderkind" und als "Das Besatzungskind") vor Karnevalsgesellschaften, auf Betriebsfesten und, gemeinsam mit Schellhard, in den Karnevalsrevuen des Varietés Kaiserhof auf, brilliert dort 1957/58 mit ihrem ersten hochdeutschen Solosketch als Fernsehansagerin. Daraufhin engagiert Willi Schaeffers sie an sein Kabarett Tingel-Tangel nach Berlin.
Ihre
Schallplatte "Ich will keine Schokolade, ich will lieber einen Mann" ist
1959 ihr erster Hit, weitere folgen ( "Morgens bin ich immer müde",
"Weil ich so sexy bin "). In zahlreichen Schlagerfilmen (CONNY UND PETER
MACHEN MUSIK - mit Italien-Drang (O SOLE MIO) oder Erdenschwere (DREI LIEBESBRIEFE
AUS TIROL) -, in wirren Komodien (MASKENBALL BEI SCOTLAND YARD), Heinz
Erhardt-Schmonzetten (DRILLINGE AN BORD) und Freddy Quinn - Musicals (FREDDY
UND DAS LIED DER PRÄRIE) verkörpert sie die Ulknudel, das dicke
Trampel: "Alles schlechte Filme. Aber Erfolge." (Herr zu Schüller,
1987).
Trude
Herr ist abonniert auf die Rolle "der Dicken, die zumeist auch die Doofe
zu sein hatte. Doch so
ganz
ging die Rechnung nie auf. In der stereotyp-spießigen Schlager- und
Lustspielfilmen der 50er und 60er Jahre fiel die füllige Kölnerin
immer wieder aus dem biederen Rahmen, war nur 1,56 m große Randfigur
und doch unübersehbar, wenn sie sich in viel zu enge Brokatkleider
zwängte, scheinbar schamlos die vorgegebenen Klischees überzog
und Mut bewies: zur Lächerlichkeit und zu sich selbst." (Hoghe, 1985).
Ab 1964 unternimmt Trude Herr ausgedehnte Reisen durch die Sahara. Neben Fotoserien gestaltet sie zwei - nur bis zum Rohschnitt fertiggestellte - Filme: den dokumentarischen Reisebericht "Das Lächeln der Welt" und, mit Schauspielern des Theaters von Wagadugu (Obervolte), die auf Thomas Manns "Josephs"-Roman basierende Liebesgeschichte "Jakob und Rahel". Das 1967 von dem Dokumentar-Filmer Peter Nestler geplante Spielfilmprojekt "Der Kandidat", in dem sie - "Weil sie gut ist" (Nestler) - die weibliche Hauptrolle erhalten soll, bleibt unrealisiert. In der Siechtumsphase des bundesdeutschen Unterhaltungsfilms ab Mitte der 60er Jahre trat sie als Stimmungskanone u.a. mit dem Orchester Max Greger, gastiert mit Solo-Programmen, 1965 auch in der DDR. 1966 - 76 ist sie mit dem Tunesier Ahmed M´Barek verheiratet.
Ab 1970 spielt sie in einem eigenen Ensemble Bühnenrollen, einige hundert Mal "Die Perle Anna" (UA: 16.09.1970, Millowitsch-Theater), dann in eigenen Stücken: "Die Familie Pütz" (UA: 21.09.1972), "Scheidung auf kölsch" (1973, auch TV). 1977 eröffnet sie in einem ehemaligen Kino im Kölner Severinsviertel ihr eigenes Haus, das Theater im Vringsveedel, in dem sie als Produzentin, Autorin, Schauspielerin, Sängerin, Regisseurin und Kostümbildnerin mit Stücken wie "Die kölsche Geisha" (1977), "Der Hausmann" (1979), "Massage-Salon Denz (1979), "Drei Glas Kölsch" (1980), "Die Millionärin (1984) und "Die Hellseherin" (1985) ihre Vorstellungen eines "reformierten Volkstheaters" verwirklicht: "Ihr Grundsatz blieb dabei, dass dieses Volkstheater nicht auf Kosten, sondern im Interesse der Minderheiten funktionieren sollte, und die Frauen-Gestalten, die Trude Herr spielte, waren immer widersprüchlich, sie mußten zu unehrenhaften Mitteln greifen, um zu überleben." (Seeßlen, 1991). Es sind "Sauber gebaute moderne Schwänke mit aktuellen Anspielungen und ohne den Plüsch von Arnold und Bach" (Schüller), mit denen sie Fans auch außerhalb des konventionellen Abonnentenpublikums gewinnt: "Wo Trude Herr ist, bin ich immer gern." (Klaus von Dohnanyi in der TV-Show MENSCHEN 87).
Musikalische
Erfolge hat sie mit ihren kölschen Cover-Versionen internationaler
Hits. 1987 erscheint ihre Langspeilplatte "Ich sage, was ich meine"; die
ausgekoppelte Single "Niemals geht man so ganz..." mit den Musikern Tommy
Engel (Bläck Fööss) und Wolfgang Niedecken (BAP) wird ihr
letzter Plattenhit. Im gleichen Jahr - die Mietverträge laufen aus,
Subventionen sind nicht in Sicht - schließt die "Duse vom Rhein"
(Jürgen Flimm) auch aus gesundheitlichen Gründen das Theater
und lebt fortan bei Suva auf Viti Levu, der Hauptinsel der Fijis, wo sich
sich schriftstellerischen Arbeiten und der Champignonzucht widmet. Anfang
1991 kerht sie nach Köln zurück, plant u.a. als Autorin eine
TV-Reihe mit Sketchen für RTL plus.
Im Februar 1991 zieht Trude Herr nach Lauris (Südfrankreich), wo sie am 15. März 1991 an Herzversagen stirbt.
AUSZEICHNUNGEN: 1998 Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.
DARSTELLERIN,
wenn nicht anders angegeben.
1955,
BRD. Der verkaufte Großvater. R. Willi Millowitsch. TV-Spiel
1959,
BRD. Alle Tage ist kein Sonntag. R. Helmut Weiß.
1959,
BRD. Natürlich die Autofahrer. R: Erich Engels.
1959,
BRD, Drillinge an Bord. R: Hans Müller.
1960,
BBRD, Conny und Peter machen Musik. R: Werner Jacobs.
1960,
BRD. Der letzte Fußgänger. R: Wilhelm Thiele.
1960,
BRD. Schlager Raketen. R: Erik Ode.
1960,
CH. Der Teufel hat gut lachen. (3 schräge Vögel/ eine Nacht in
Campione). R. Kurt Früh.
1960,
BRD. Immer will ich Dir gehören. R. Arno Assmann.
1960,
BRD. O sole mio. R: Paul Martin.
1961,
A. ...und Du, mein Schatz bleibst hier. R: Franz Antel.
1961,
BRD. Immer Ärger mit dem Bett. R: Rudolf Schündler.
1961,
BRD. Adieu, Lebewohl, Goodbye. R. Paul Martin.
1961,
BRD. Robert und Bertram. R: Hans Deppe.
1961,
A. Unsere Tollen Tanten. R: Rolf Olsen.
1961,
A. Im schwarzen Rößl. R. Franz Antel.
1961/62,
BRD. Café Oriental. R: Rudolf Schündler.
1962,
A. Drei Liebesbriefe aus Tirol. R. Werner Jacobs.
1962,
A. Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett. R: Franz Antel.
1962,
CH. Der 42. Himmel. (Krach im Standesamt). R: Kurt Früh
1962,
A. Sing, aber spiel nicht mit mir. R: Kurt Nachmann.
1963,
A. Mit besten Empfehlungen. R: Kurt Nachmann.
1963,
A/I/Liechtenstein. Maskenball bei Scotland Yard/ Ballo in maschere da Scotland
Yard. R: Domenico Paolella.
1963,
A. Im singenden Rößl am Königssee. R. Ranz Antel.
1963,
BRD. ...denn die Musik und die Liebe in Tirol. R: Werner Jacobs.
1963,
A. Die ganze Welt ist himmelblau. (Rote Lippen soll man küssen). R:
Franz Antel
1963/64,
A. Unsere Tollen Tanten in der Südsee. R: Rolf Olsen.
1964,
BRD/YU. Freddy und das Lied der Prärie/ Fredi i pesma perije. R: Sobey
Martin.
1964,
BRD. Das siebente Opfer. R: Franz Josef Gottlieb.
1967,
BRD. Heubodengeflüster. R: Rolf Olsen.
1971,
BRD. Hurra, bei uns geht´s rund. R: Wolgang von Chmielewski.
1971,
BRD. Die tollen Tanten schlagen zu. R: Franz Josef Gottlieb.
1976,
BRD. Tango - Tango. R: Horst Eppinger. TV-Show.
1981,
BRD. Scheidung auf kölsch. Regie, Buch Darstellerin. TV-Spiel
1981/82,
BRD. Auftakt zur Session. Regie mit Ulf Becker, Buch, Darstellerin. TV-Film.
1983,
BRD.Frankensteins Schwigermutter. Regie, Buch,Darstellerin. TV-Spiel.
1983,
BRD. Schöne Bescherung. Regie mit Ulf Becker, Buch, Darstellerin.
TV-Film.
1984,
BRD. Fröhliches Beileid. Regie, Buch, Darstellerin. TV-Spiel.
1984,
BRD. Geschichten aus der Heimat III. Episode: Das Sonderangebot. Regie,
Buch. TV-Eppisodenserie.
1984,
BRD. Die Millionärin. Regie, Buch, Darstellerin. TV-Spiel.

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| A)
Ich will keine Schokolade (Percolator)
B) In der Spelunke "Zur alten Unke" Philips 345 206 PF (1960) |
A)
Ich will keine Schokolade (Percolator)
B) In der Spelunke "Zur alten Unke" Philips 345 206 PF (1960) |
A)
Morgens bin ich immer müde
(a.d.Film "Conny und Peter machen Musik") B) So schön wie du (a.d. Film "Schlager-Raketen") Philips 345 206 PF (1960) |
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| A)
Oh, Heinrich
B) 33 144 mal (That funny feeling) Philips 345 245 PF (1960) |
A)
Tschitschibum
B) Weil ich so sexy bin (Deutsche Schlagerfestspiele 1961) Philips 345 292 PF (1961) |
A)
Brautjammer
(Hör' ich die Glocken) B) Ich kann weinen wie ein Wasserfall Philips 345 345 PF (1961) |
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| Einmal
hinhören - viermal HERR hören E.P.
A) Er war stets Kavalier B) Lass das sein (Please, Mr. Brown) C) Brautjammer (Hör' ich die Glocken) D) Ich kann weinen wie ein Wasserfall Philips 423 410 PE (1961) |
A)
Spiegeltwist
B) Autofahrer-Blues Polydor 24 955 (1962) |
A)
Französisch sprechen kann ich kann ich fast gar nicht
B) So ein Mann ist ein komisches Gewächs Polydor 52 065 (1963) |
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| A)
Mein bester Freund heisst Luxi
B) Ich bin eine Frau von Format Polydor 52 178 (1963) |
Unsere
tollen Tanten in der Südsee E.P.
u.a. Gus Backus: Coca mit Rum Trude Herr: Hula-Twist Polydor 50 033 EPH (1963) |
A)
Mama, er ist schon wieder hier
B) Ja, er kann lügen Polydor 52 271 (1964) |
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| A)
So einfach ist die Liebe nicht
(Deutsche Schlagerfestspiele 1964) B) Nein, ich lass mich nicht fotografieren Polydor 52 326 (1964) |
A)
Mama, ich bin e so bang
B) Mal sagt er ja BASF Cornet 05 11 894 (1973) |
A)
Ich ben dodurch (I Will Survive)
B) Conditorei (YMCA) aus dem Volksstück "Massage-Salon-Denz" TVV-Produktion Krupki Nr.1 (1978) |
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| A)
Die Stadt
B) Älter sein EMI Electrola C 006 - 20 1723 7 (1987) |
A)
Niemals geht man so ganz
B) Föhlenz (Feelings) EMI Electrola C 016 - 20 1966 7 (1987) |
A)
Versteh'!
B) Ich weiß jenau wat de meinz EMI Electrola C 006 - 20 2326 7 (1988) |
Wer erinnert sich nicht an die Torten werfende, im Minirock Boogie-Woogie tanzende dicke Ulknudel. An die vielen Filmkomödien der 50er und 60er Jahre, in denen sie an der Seite von Stars wie Bill Ramsey, Heinz Erhardt oder Caterina Valente das Kinopublikum zu Lachsalven hinriss.
Ebenso erinnernswert sind viele Schlager, die Trude Herr seit 1959 mit unverwechselbarem Timbre und mit Erfolg trällerte.
Als Künstlerin war Trude mehr als nur die "Ulknudel vom Dienst". Sie war ein Multitalent, eigenwillig und unkonventionell. In ihrer Heimatstadt Köln wurde sie zur Kultfigur.
Mit ihrer markanten Stimme, die neben der leiblichen Fülle ein unverkennbares Markenzeichen der unvergessenen Komödiantin war, verstand sie es blendend, den von ihr gesungenen Schlagern ein ganz spezifisches Flair zu verleihen.
TRUDE
HERR:
ICH WILL KEINE SCHOKOLADE
BCD 16221
AH DM 30.00
Erhältlich bei Bear Family
Records
Titel:
Ich will keine Schokolade -
In der Spelunke "Zur Alten Unke" - Morgens bin ich immer müde - So
schön wie du - Oh, Heinrich - 33144 Mal - Tschitschibum - Weil ich
so sexy bin - Er war stets Kavalier - Lass das sein - Brautjammer - Ich
kann weinen wie ein Wasserfall - Mama von Trinidad - Tango d'amore - Spiegel
Twist - Autofahrer Blues - Französisch sprechen kann ich fast gar
nicht - So ein Mann (Ist ein komisches Gewächs) - Mein bester Freund
heisst Luxi - Ich bin eine Frau von Format - Hula-Twist - Mama, er ist
schon wie der hier- Ja, er kann lügen - So einfach ist die Liebe nicht
- Nein, ich lass mich nicht fotografieren - Nach dem dritten Schoppen -
Du warst lieb zu mir - Mama, ich bin so bang - Mami Mollys Makkaroni Band
(& GUNTER GABRIEL) - Versteh'
TRUDE HERR
"Ohne Freiheit bin ich schon fast wie tot!"
heisst
es in einer Strophe des 1987 aus Anlass ihres Abschieds von Köln aufgenommenen
Liedes "Niemals geht man so ganz". Diese Zeile hat Symbolkraft für
das intensive und exzessive Leben des Kölner Multitalents. Trude Herr
war nicht nur Schauspielern und Sängerin, Texterin und Regisseurin.
Die am 4.Mai 1927 in Köln
als 3.Kind einer Arbeiterfamilie geborene "Duse der Südstadt", wie
sie der Regisseur Klaus Flimm einmal liebevoll charakterisierte, war mehr
und konnte mehr.
Ihre Auftritte als dickliche Ulknudel in den oft klamaukhaften und naiv-komischen Filmen der fünfziger und sechziger Jahre, wie "Die ganze Welt ist himmelblau", "Tante Trude aus Buxtehude", "Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett" oder "Unsere tollen Tanten in der Südsee" an der Seite von Stars wie Heinz Erhardt, Caterina Valente, Conny Froboess, Peter Kraus und vielen anderen, machten sie bundesweit dem grossen Publikum bekannt, wurden ihren breitgefächerten Talenten aber nicht gerecht. Ihr Schlagerdebut 1959 "Ich will keine Schokolade" war ein weiterer Schritt auf Trude Herrs Weg zur nationalen Berühmtheit.
Schon
als Kind hatte "Tutti", wie sie von Eltern, Geschwistern und Freunden genannt
wurde, nur einen Wunsch: Sie wollte Schauspielerin werden. Das Talent,
so heisst es, erbte sie von der Mutter, die hungerte, um sich Karten für
das Opernhaus kaufen zu können. Die kleine Trude, ein niedliches pausbäckiges
Mädchen mit dunklen Haaren, machte sich schon ins ganz jungen Kinderjahren
aus Gardinen passende Kostüme, zog dazu die hohen Schuhe ihrer Mutter
an und spielte drauflos. Die Kinder der Nachbarschaft waren ihr Publikum,
die mitzuspielen hatten, wenn "Tutti" es so wollte. Wer nicht mitmachte
bekam Ärger.
Trude wusste schon damals, was sie wollte. Oder besser gesagt, was sie nicht wollte - nämlich konventionell und angepasst sein. Ein typischer Wesenszug, der sie zeitlebens prägte und der ihr nicht nur Freunde gemacht hat. "Dat Pummel", wie man sie in Köln nannte, machte keine Kompromisse und scheute keine Konflikte. Wer vor ihr bestehen wollte, musste ihren Respekt erwerben. Ihr Privatleben verlief auf eine fast schon demonstrative Weise unkonventionell.
Nach
dem Besuch der Volksschule - mehr konnten die Eltern ihr und ihren beiden
Geschwistern aus finanziellen Gründen nicht bieten - besuchte sie
gegen den Willen des Vaters die Schauspielschule in Düsseldorf. Dort
legte sie 1947 ihre Schauspielprüfung ab.
Das erste Engagement fand sie auf eine Annonce in der Tageszeitung als Statistin beim "Theater am Vorhang" in Aachen, ein auch nach heutigen Masstäben durchaus anspruchsvolles Wandertheater, das in den ersten Nachkriegsjahren sozusagen in kultureller Mission über die Dörfer der Eifel und des Niederrheins zog.
Trudes nächste Bühnenstation wurde nach den Wanderjahren das Millowitsch-Theater in ihrer Heimatstadt Köln. Selbstbewusst wie sie nun einmal war, sprach sie bei Willy Millowitsch vor, der sie vom Fleck weg, zunächst jedoch für kleinere Rollen, zum Beispiel in dem Stück "Die Heinzelmännchen von Köln", engagierte. Ihre markante Stimme hatte es ihm besonders angetan. "Trudchen lass dat Kölsch weg. Dann versteht dich janz Deutschland", gab ihr Kölns Volkstheater-Legende mit auf den Weg. "Sie war jut", erinnert er sich später, "deshalb han ich se jenomme. Wir haben viel Spass zusammen gehabt. Aber sie war auch sehr eigenwillig und wusste immer genau, was sie wollte."
Zwei
Dinge sind unbestritten: Trude Herr hatte ein unglaubliches komisches und
komödiantisches Talent, und sie arbeitete hart an sich. 1949, ein
Jahr nach der Währungsreform, gründete die unternehmungslustige,
durch nichts zu bremsende junge Schauspielerin zusammen mit Gustl Schellhardt,
einem Schauspieler, Regisseur und sehr talentierten Stückeschreiber,
dem sie bei Millowitsch begegnet war, ihr eigenes Theater - die "Kölner
Lustspielbühne". Dieses überwiegend auf Begeisterung und Euphorie,
weniger nach wirtschaftlichen Gesichtpunkten ausgerichtete Experiment ging
schief. Genauer gesagt: Die künstlerischen Blütenträume
der beiden welkten auf einem Schuldenberg. Mutter Agathe und Schwester
Agi mussten aushelfen.
Schellhardt, der sie künstlerisch formte, Lieder und Sketche für sie schrieb, verdingte sich fortan als Nachtportier. Die von der selbstverschuldeten Theater-Pleite absolut unbeeindruckte Schauspielerin nahm einen Job in der "Barberina", einem nicht ganz feinen Lokal der Domstadt an. So jedenfalls beschreibt es der Kölner Publizist und Freund der Künstlerin, Gerard Schmidt, in der 1991 erschienenen Biografie "Trude Herr - Ihr Leben".
Nach
einige Jahren ohne Bühnenauftritte, aber um nicht ganz unwichtige
Lebenserfahrungen reicher, die sie in der "Barberina" sammeln konnte, entdeckte
die inzwischen zu einem kleinen runden Pummelchen gewordene Trude, damals
bereits exzessive Raucherin, 1953 eine völlig neue Bühne - den
Kölner Karneval.
Das kölsche Allroundtalent sorgte auch in der Bütt der Narrenhochburg am Rhein für ungeteilte Aufmerksamkeit. Zum einen mit ihrem durch und durch komischen Talent, zum anderen aber auch, wenn man so will, durch ihre etwas anderen Büttenreden, die zwar durchaus lustig waren, den Jecken auch gefielen, dem Kölner Karnevals-Klüngel aber nicht in den Kram passten.
"Das Festkomitee und sein Karneval sind humorlos", stellte sie fest, als sie nach vielen umjubelten Auftritten 1959 ihre kritisch-boshafte Büttenrede "Die Karnevalspräsidentengattin" nicht halten durfte. Der "bürgerliche" Karneval war damit für die resolute und kompromisslose Trude Herr gestorben.
Nach etlichen Karnevalsliedern in den Jahren 1957/1958 wandte sie sich 1959 einem für sie neuen Genre zu, dem deutschen Schlager. Im Berliner Studio Lankwitz nahm sie ihre erste Schlagerplatte auf, die gleichzeitig, wie eingangs erwähnt, ihr grösster Erfolg werden sollte: "Ich will keine Schokolade". Viel Beachtung fand auch die Rückseite dieses schlagermusikalischen Debuts "In der Spelunke Zur alten Unke" Bis 1987, dem Jahr ihres Abschieds von Köln, nahm sie viele weitere Titel auf, 30 davon sind auf dieser CD (siehe oben) enthalten.
"DER LETZE SCHREI BEI UNS IST TWIST,
BABY!" (Trude mit Bill Ramsey)
Ein besonderer Stellenwert gebührt dem von Thomas Brück und Jürgen Fritz 1987 produzierten Lied "Versteh" Es ist Trude Herrs allerletzte Platte, aufgenommen in Sydney. Die Kölnerin lebte zu dieser Zeit auf den Fidschi-Inseln. Zu den Aufnahmen flog sie in die australische Metrople. Ursprünglich war, nach dem sensationellen Erfolg ihrer ersten LP ein weiteres Album mit eigenen Texten geplant. Ihr Gesundheitszustand erlaubte dieses Vohaben nicht mehr. Nur "Versteh", dieses eine persönliche Lied, wurde aufgenommen und liegt hier erstmals auf CD vor.
Mit
ihrer tiefen markanten Stimme, neben der leiblichen Fülle ein unverwechselbares
Markenzeichen, verstand sie es blendend, diesen Schlagerliedern ein ganz
spezifisches Flair zu verleihen.
Das "Kölner Gesamtkunstwerk"
bewies damit zum wiederholten Male seine Vielseitigkeit. Trude wurde in
Film und Fernsehen zur "Ulknudel von Dienst" gemacht, war Gast in vielen
Fernsehshows und trat in Serien wie "Lustige Strassenmusikanten" (ZDF)
oder "Geschichten aus der Heimat" (ARD) auf. Nach eigener Aussage hätte
sie auch gerne seriöse Rollen gespielt, das Gretchen im "Faust" zum
Beispiel.
Die Fans und die Produzenten dagegen
wollten sie eben als Ulknudel. Ihr Kommentar dazu: "Ich bin en Dam, leck
mich am Arsch!"
Weihnachten 1983 strahlte die ARD den Fernsehfilm "Schöne Bescherung" aus. Buch, Regie und Hauptrolle Trude Herr.
In der Zwischenzeit hatte sich "Die Herr, die keine Dame war" ("Kölnische Rundschau") als Theaterchefin längst wieder selbstständig gemacht. In einem leerstehenden Kino eröffnete sie 1977 in der Kölner Südstadt zusammen mit Kompagnon Bruno Krupki das "Theater im Vringsveedel" (Severinsviertel). Hier konnte sie zeitgemässes reformiertes Volkstheater machen, ein Stück Selbstverwirklichung umsetzen. Ohne jede finanzielle Unterstützung der Stadt Köln, wohlgemerkt!
Zahlreiche
Stück, die sie im Laufe von zehn Jahren in ihrem eigenen Theater zur
Aufführung brachte, hat sie selbst geschrieben. Sie war Autorin, Regisseurin,
Bühnenbildnerin und Akteurin in Personalunion. Es waren echte Erfolgsstücke
darunter, Volkstheater mit Tiefgang. Das Publikum war begeistert, einige
Kritiker rümpften dagegen manches Mal wegen ihrer gossig-derben Sprache
die Nase.
Trude scherte das überhaupt nicht. "Im Grunde ihres Herzens war sie eine Rebellin", so stand es in dem Beitrag "Ulkige Trude, verrückte Frau Herr" des "Kölner Stadt-Anzeigers" zu lesen.
Endlich war sie Herrin im eigenen Hause und zur Kölner Kultfigur aufgestiegen. Trude setze das durch, was sie wollte. Sie zahlte gute Gagen, hat es ihren Leuten aber nicht leicht gemacht. Ihre Nichte Gigi, selbst eine erfolgreiche Schauspielerin, hatte unter der Tante besondes zu leiden. Trude Herr war rücksichtslos und fürsorglich, konnte wild und sanft sein, grosszügig und ungerecht. Menschen, die ihr nahe standen, wussten eigentlich nie, woran sie bei "Trudi" waren. Anderseits war sie für Freunde immer da, wenn man sie brauchte.
Im Dezember 1986 wirbelte sie zum letzten Mal über ihre eigene Bühne. Das Abschiedsstück hiess "Im zweiten Frühling". Danach fiel im "Theater im Vringsveedel" der letzte Vorhang. Trude löste ihr Theater auf. Über die Gründe wurde spekuliert. Neben der fehlenden Anerkennung durch die Stadt Köln dürfte ihre stark angeschlagene Gesundheit ein wichtiger Grund gewesen sein. Trude Herr war seit längerer Zeit zuckerkrank und litt unter schmerzhaften Durchblutungsstörungen in den Beinen. Trotz dieser zum Teil unvorstellbaren Qualen blieb sie arbeitsbesessen und stand - oftmals am Rande des körperlichen Zusammenbruchs und gegen den Rat der Ärzte - diszipliniert auf der Bühne.
Trude
Herr war unstet und litt unter Fernweh. Von einer ihrer zahlreichen Reisen
in die Sahara brachte sie den 14 Jahre jüngeren Ahmed M`barek mit,
einen Tuareg, Sohn eines Hotelbesitzers, und heiratete ihn 1969 in ihrer
Heimatstadt. Die Ehe ging in die Brüche. Ahmed hatte zu trinken begonnen.
Trude schickte ihn zurück in die Wüste.
Linderung für ihre ständig sich verschlimmernden körperlichen Leiden suchte sie schliesslich im milden Klima der Fidschi-Inseln, wohin es sie nach ihrem für viele Fans und Freunde überraschenden Abschied von Köln im Juli 1987 zog. Nach einem Jahr tauchte sie wieder in Köln auf, um sich erneut an den Beinen operieren zu lassen, und brachte gleich einen 30 Jahre jüngeren neuen Lebensgefährten mit - Samuel Bawesi, einen Fidschianer. Anschliessend reiste sie zurück auf den Fidschi-Archipel.
Todkrank kehrte sie nach weiteren
drei Jahren, im Januar 1991, nach Europa zurück, einen fertiggeschriebenen
Roman im Gepäck. Sie zog in ein kleines Haus in Südfrankreich.
Der Ort hieß Lauris und liegt in der Nähe von Aix-en-Provence.
Hier stirbt Trude Herr am 15.März 1991 im Alter von 63 Jahren an Herzversagen.
Im Beisein vieler Kolleginnen und Kollegen und unter großer Anteilnahme
der Bevölkerung wird die unvergessene Komödiantin am 27.März
in ihrer Heimatstadt Köln beigesetzt.